Internationale Gesellschaft für Neue Musik


Wrestling with the Algorithm

Mit dem Konzertabend Wrestling with the Algorithm, dem dritten in ihrem Jahresprogramm 2017 Modular Identities, lenkte die IGNM Bern den Fokus auf das Themenfeld menschlichen Handelns in algorithmisch organisierten gesellschaftlichen und technologischen Zusammenhängen. Das Konzert wurde flankiert von einer Diskussionsrunde mit ausgewiesenen ExpertInnen aus verschiedenen Disziplinen. 

KONTEXT - KOMPOSITION - KONZERT

Während nur fünf Jahren, von 1978 bis 1983, produzierte die Firma KORG den monophonen, semi-modularen Analogsynthesizer MS-20. Der MS-20 packte die Flexibilität und exzellente Klangqualität modularer Synthesizer in ein relativ günstiges und handliches Gerät und entwickelte sich deshalb mit den Jahrzehnten zu einem gesuchten Sammlerstück. 2013 lancierte KORG den MS-20 mini - einen exakten Nachbau des Originals in etwas kleinerer Grösse mit einem gewichtigen Unterschied: er hat einen MIDI-Eingang.

Dies ermöglicht das Steuern einiger weniger Parameter durch externe Geräte - beispielsweise einen Computer, der den MusikerInnen nun Tonhöhen und Rhythmen zuspielt, während diese sich ganz auf die Gestaltung und Modulation des Klanges konzentrieren. 

Der Computer wiederum kann den Klang weiterverarbeiten und auf den Input der MusikerInnen reagieren. Es entsteht eine Versuchsanordnung für Interaktion zwischen Menschen, analoger Elektronik und digitalen Regelwerken.

Radio Rabe sprach mit den MusikerInnen bei den Proben.

PANEL

Aus philosophischer Sicht: gesellschaftlich agieren wir - ob bewusst oder nicht - ständig in solchen Zusammenhängen: ob wir via Social Media kommunizieren oder wenn Verkaufshäuser unser Konsumverhalten analysieren um uns Produkte zu empfehlen, ob in der computergestützten Partnervermittlung oder wenn wir uns im Auto von dynamisch aus Nutzerdaten generierten Verkehrsinfos leiten lassen.

Seit Beginn der Industrialisierung wiederum ist die Ersetzung des Menschen durch Maschinen ein ständig aufgeschobenes Problem: Immer neue Aufgaben werden von computergesteuerten, halbautonomen Maschinen übernommen und relegieren den ehemaligen Handwerker erst zum Maschinenführer, dann zum Wart eines Automates der seine Aufgaben selber ausführt, bis hin zum Aufseher in komplett automatisierten Produktions- und Wartungsprozessen. Und immer weiter, von Meta- zu Meta-Meta- zu Meta-Meta-Metaebene.

Für die Künste hingegen stellen sich heute Fragen wie: Was, wenn Computer immer mehr Aufgaben übernehmen können, die vormals Menschen vorbehalten waren? Wenn sie zum Beispiel Tonfolgen spielen oder gar generieren können, die ein Mensch niemals - oder niemals so präzise - spielen könnte? Ist die Konzentration auf die Klanggestaltung und Beeinflussung des Steueralgorithmus eine Befreiung oder eine Beschränkung? Welche Möglichkeiten eröffnen sich mir dadurch als Komponist und Performer? Was macht in welcher Situation Sinn?

In der sehr anregenden und interessanten Diskussionsrunde versuchten KünstlerInnen, Philosophen und Wissenschaftler diesen Fragen auf den Grund zu gehen.

Fotos: Karin Schmid



BIOGRAPHIEN

Tobias Reber, geboren 1983 in Bern, ist Musiker und Komponist mit einem BA in Musik & Medienkunst (2008) und einem MA in Contemporary Arts Practice (2010) an der Hochschule der Künste Bern (ausgezeichnet mit dem BEST-Trächsel-Stipendium des Kantons Bern). 

Er tritt vorwiegend mit dem Performance-Kollektiv pulp.noir, dem Elektronik-Trio centrozoon sowie als Solokünstler auf und hat CDs unter eigenem Namen, mit centrozoon, Blast Unicorn und anderen veröffentlich. Diverse Klanginstallationen, Auftragskompositionen und –performances sowie Software-Entwicklung für Kunst und Forschung. Seit 2010 leitet Tobias Unterrichtsprojekte zu experimenteller Musik an Schulen und erteilt Kurse an Musikhochschulen und Festivals in der Schweiz und Deutschland.

www.tobiasreber.com / www.ahundredquirkylegs.com



Veronika Klaus ist Klangkünstlerin und Audio Designerin. Sie studierte Musik und Medienkunst an der Hochschule der Künste Bern und unterrichtete später als Assistentin musikalische Gestaltung und elektronische Gehörbildung. 

Freischaffend komponiert sie interaktive Klanginstallationen und Hörstücke, gestaltet die Tonebene von Filmen und kreiert Vermittlungsprojekte mit Neuen Medien. Für Radio SRF gestaltet sie die akustische Identität von Sendungen und gibt Kurse zu Klanggestaltung und Hören.

veronikaklaus.ch



Die Komponistin und Musikerin Annie Rüfenacht (*1988) studierte Musik und Medienkunst an der Berner Hochschule der Künste. Ihre künstlerischen Arbeiten erstrecken sich auf verschiedene Genres. Zu ihren Hauptarbeitsgebieten gehören Soundcollagen, Kompositionen für Live-Elektronik und traditionelle Instrumente, sowie Filmvertonungen und Theatermusik. Mit ihrem Elektro-Pop-Duo Berg&Berg steht sie als Sängerin auf der Bühne.

bergmusic.ch / annieruefenacht.ch



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