Internationale Gesellschaft für Neue Musik


ENSEMBLE GARAGE

POP ON TOP? - Pop-Implantate in der Neuen Musik

Seit es Musik gibt, gibt es Imitation. Tiere werden von der menschlichen Stimme imitiert, die menschliche Stimme wird von Instrumenten imitiert, Komponisten imitieren Stile, Interpreten imitieren Interpretationen, Lautsprecher imitieren stromlose Klangquellen, Digitales imitiert Analoges und und und...
Seit einigen Jahren ist in der sogenannten Neuen Musik zu beobachten, dass Musiken aus anderen sozialen und (sub-)kulturellen Kontexten, wie z.B. dem Pop, Techno, Rock vermehrt Einzug auf die Bühnen und in die Festivals der Neue Musik Szene halten. Imitiert die Neue Musik die Popmusik? Oder verhält sich die ganze Sache komplett umgekehrt, wer imitiert hier wen? Oder zitiert sie lediglich? Was ist davon zu halten? Wie wirkt diese Implantation auf das Publikum?
Ensemble Garage hat mit POP ON TOP? ein Programm entworfen, welches diese und andere Fragen, die die Vernetzung von Popmusik und Neuer Musik aufwirft und unter das mikrofonische Mikroskop legt.
So geht es gleich los mit der Frage, wer wann wieviel und für wieviel zitieren darf. Also die Frage nach dem, was in Deutschland die GEMA und in der Schweiz die SUISA als Recht postuliert. Ensemble Garage präsentiert zwei Positionen, die sich auf ihre Weise mit dieser Frage auseinandersetzen und konfrontiert werden. Johannes Kreidlers product placements von 2008, DER Klassiker der GEMA-Kritik, und Steffen Krebbers Werk style study, das eine rechtliche Verhandlung nach sich zog und erst nach mehrjährigen Verhandlungen auf einem Tonträger veröffentlicht werden durfte.
Mathias Monrad Møllers Stück POP TART setzt sich - auf Beyoncés Musikvideo Love on Top bezugnehmend - mit den Überhöhungen, Idealisierungen und Künstlichkeiten der Popindustrie auseinander, welche als realitätsferne Projektionsflächen dienend mit der conditio humana in Konflikt stehen.
Danach ist auch Beyoncés Original-Video von Love on Top zu erleben, welches über die Musiker des Ensemble Garage und deren Instrumentarium projiziert wird.
In Michael Beils Caravan wird die Visualisierung von Musik live auf der Bühne nachvollziehbar. Beats, Synthie-Sound, Basslinien, Streicherklänge werden in Echtzeit in einen Musik-Clip übersetzt.
Dazwischen sind mit Konnichiwa und Blurred zwei Popsongs von Brigitta Muntendorf zu erleben, welche die Grenze zwischen Neuer Musik und Pop aufheben.
Mit einer Tanz-Performance erweitert Sabine Akiko Ahrendt den kontextuellen Rahmen und bedient sich einer Dance Mat, welche ursprünglich für Computerspiele konzipiert worden ist. Die Dance Mat ist ein Produkt der Firma Sony Interactive Entertainment, das als überdimensionaler Midicontroller durch Ganzkörpereinsatz gesteuert wird und in dieser frühen Version noch selbst programmiert werden kann.
Das Programm POP ON TOP? beleuchtet somit nicht nur die rein musikalische Beziehung zwischen Neuer Musik und Pop, sondern auch den soziokulturellen Kontext und damit zusammenhängende Themen wie Sampling, Urheberrechte, Körperlichkeit oder auch Natürlichkeit und Artifizialität.

Foto: Alessandro De Matteis


Das Kölner Ensemble Garage wurde 2009 von der Komponistin Brigitta Muntendorf und dem Komponisten Rodrigo Lopez Klingenfuss als Plattform für Musiker*innen, Komponisten*innen und andere Künstler*innen entwickelt, um neue Ideen, Werke und Konzepte zur Aufführung zu bringen. Das mittlerweile zehnköpfige und sieben Nationen verbindende Ensemble Garage richtet seinen Fokus auf Werke junger Komponisten*innen und die gemeinsame Probenarbeit. Die Einbeziehung transmedialer Werke und musiktheatralischer Elemente sind dabei nicht wegzudenkende Bestandteile seiner Arbeit.

Zahlreiche Konzerte im In- und Ausland führten die Musiker*innen u.a. zum Acht Brücken Festival Köln, aXes Festival Krakau, Ultraschall Berlin, Tonlagen Festival Hellerau, NOW! Festival in Essen, den Donaueschinger Musiktagen, in die Kölner Philharmonie, in De Bijloke Gent, ins Musiktheater im Revier Gelsenkirchen, an die Tampere Biennale, ans Hindsgavl Festival, an die Eastman School of Rochester sowie zu den Darmstädter Ferienkursen.
Seit 2013 veranstaltet das Ensemble mit der Reihe Frau Musica (nova) transmediale Konzerte zwischen Clubkultur, experimentellem Musiktheater, Performance und elektronischen Erweiterungen. 2017 präsentierte das Ensemble die Uraufführung der Social Media Opera iScreen, YouScream! von Brigitta Muntendorf beim Eclat Festival Stuttgart und gastierte mit der Produktion beim Spor Festival in Aarhus und beim BASF Festival in Ludwigshafen. Das Schaffen des Ensembles ist auch auf CD-Produktionen von Jagoda Szmytka, Steffen Krebber sowie Brigitta Muntendorf in der Reihe Edition Zeitgenössische Musik dokumentiert.
Gastspiele führten Ensemble Garage 2018 in die USA, nach Finnland sowie nach Dänemark. Im Rahmen des Festivals Acht Brücken - Musik für Köln präsentierte Ensemble Garage das Programm „POP ON TOP?“ zum ersten Mal. Bei der Ruhrtriennale gastierte das Ensemble zusammen mit der Techno-DJane Electric Indigo mit einer dreistündigen Hypermedia Club Performance an der Schnittstelle zwischen technoider Clubkultur und Avantgardemusik. Zum 10. Todestag von Mauricio Kagel schuf Ensemble Garage kürzlich eine Neuinterpretation von dessen Stück „Variété“.
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